Plädoyer zur Abschaffung der Atomkraft

An der Nutzung von Atomkraft zur Energiegewinnung oder in Waffentechnologie scheiden sich die Geister. Die Einen betrachten Atomenergie als Segen beim Umstieg auf emissionsarmen Stromgewinn, Kernwaffen als Notwendigkeit in einer gefährlichen Welt.

Die Anderen sehen die Unsicherheit beim Betrieb von Kernkraftwerken und der Lagerung strahlenden Abfalls sowie die Gefahren eines atomaren Wettrüstens.

Schlagen die Vorteile die Risiken der Nutzung oder ist es umgekehrt?

Trügerische Sicherheit durch Atomwaffen

„Gleichgewicht des Schreckens“, nennt sich die Theorie, mit der Supermächte in der Vergangenheit ihr ständig wachsendes Atomarsenal begründet haben. Damit ist gemeint, dass ein atomarer Erstschlag allein dadurch vermieden wird, dass er zu Selbstvernichtung führen würde.

Die Angst vor einem nuklearen Holocaust soll eben diesen verhindern, indem alle Akteure die Möglichkeit hätten, ihren jeweiligen Gegner vollständig zu vernichten. Dass diese Spielart des Friedens eine wackelige und gefährliche Balance beinhaltet, ist kein Geheimnis. Aber wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass eine einmal hergestellte Waffe nie benutzt wird?

Selbst die beteiligten Wissenschaftler glaubten, dass allein die Existenz der Bombe ausreiche, um eine Nutzung zu verhindern – und sie haben sich geirrt.

Damit eine Nutzung der Bombe ausgeschlossen wäre, benötigte jede Atommacht zu jeder Zeit absolute Kenntnis, Kontrolle und Vernunft – Irrtümer, Versehen, technisches Versagen, Größenwahn, Alleingänge müssen ausgeschlossen sein. Ist das auf lange Sicht realistisch?

Die Diktatur in Nordkorea, die chaotischen Verhältnisse in den USA, die Unruhen zwischen Pakistan und Indien beweisen schon jetzt, dass dem nicht so ist.

Auch in Zukunft wird es politische Umwälzungen und Regierungswechsel geben – jede einzelne der mehr als 14.000 Atomwaffen lässt diese Veränderungen zu einer globalen Gefahr werden.

Risiken durch Naturkatastrophen

Kernkraftwerke sind gegen viele Naturkatastrophen gut geschützt – aber nicht gegen alle. Und noch weniger gefeit sind sie gegen menschliches und technisches Versagen.

So groß die Sicherheitsmaßnahmen auch sein mögen: die Unglücke in Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 zeigen deutlich, dass 100%ige Sicherheit nie garantiert werden kann. Natürlich können auch andere Strukturen zur Energieerzeugung havarieren – Kohlekraftwerke können in Brand geraten, Windräder umstürzen –, aber keine dieser Katastrophen hätte ähnlich gravierende und langwierige Folgen.

Insgesamt ist die Sicherheit im Fall von Naturkatastrophen sehr unterschiedlich. So gilt beispielsweise der Reaktorkomplex Kashiwazaki in Japan als sehr erdbebensicher, das französische Kraftwerk Fessenheim hingegen als wenig stabil. Dass ein Kraftwerk ein Erdbeben der Stärke acht oder höher überstehen würde, ist unwahrscheinlich. Beben dieser Stärke sind zwar zumindest in Deutschland statistisch ausgesprochen unwahrscheinlich – aber eben nicht unmöglich.

Ähnlich sieht das Sicherheitsrisiko bei schweren Überschwemmungen aus. Noch schlechter stehen die Chancen beispielsweise bei einem Flugzeugabsturz oder einem Meteoriteneinschlag. Auch das sind extrem seltene Ereignisse, besonders auf den exakten Standort eines Kraftwerks bezogen. Aber auch ein Lottogewinn ist unwahrscheinlich – und irgendjemand gewinnt trotzdem. Zudem bleibt zu bedenken, dass zurzeit ganze 446 Reaktoren weltweit betrieben werden.

Ein Problem stellt dabei auch der Klimawandel dar: Die Schätzungen zur Häufigkeit und Intensität einiger Wetterkatastrophen wie Überschwemmungen, Stürmen oder extremem Schneefall beruhen auf Daten und Erfahrungen der Vergangenheit. Diese Extremwetter könnten jedoch durch den Klimawandel wesentlich öfter und in größerer Stärke auftreten.

Das entscheidende Argument: Atommüll für die Ewigkeit

Was für die laufenden Atomkraftwerke gilt, gilt in noch höherem Maße für den anfallenden radioaktiven Müll. Denn auch jedes Zwischen- und Endlager unterliegt denselben Problemen und Gefahren – nur viel länger. Kaum überraschend genügen die heutigen Lösungen nicht, noch weniger kann von einer dauerhaften Unterbringung die Rede sein. Und dauerhaft bedeutet eine Million Jahre oder länger. Denn so lange geben einzelne Elemente noch gesundheitsgefährdenden Strahlendosen ab.

Bisherige Lösungen wie Bergwerkschächte oder die Lagerung unter Wasser erwiesen sich aufgrund enger Vorgaben für das Gestein und möglicher Korrosion als unzureichend. Stattdessen werden radioaktive Abwässer nach wie vor ins Meer eingeleitet. Auch früher dort verklappter Atommüll könnte jederzeit zu neuen Belastungen führen. Neuere Abfälle stapeln sich entweder in Zwischenlagern oder werden ins Ausland verbracht, um dort unter freiem Himmel aufbewahrt zu werden – etwas, das in Europa verboten ist. Andere Methoden der Entsorgung sind zu gefährlich, wie das Einfrieren in der Arktis, oder zu teuer, wie das Abschießen des Mülls ins All.

Neben der Langzeitgefahr sind auch die Langzeitkosten kaum zu überblicken. Zwar haben die großen Energieunternehmen Rücklagen gebildet, die für die Lagerung des radioaktiven Abfalls aufgewendet werden sollen. Doch es ist bereits absehbar, dass diese Summe nicht einmal einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten decken wird – schon gar nicht über einen derart langen Zeitraum.

Denn wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen überhaupt so lange existiert?

Das strahlende Erbe jedoch wird es. Tatsächlich haben sich die vier größten deutschen Energiekonzerne lediglich zur Zahlung von 24 Milliarden Euro bereit erklärt – alle weiteren Kosten trägt der Staat.

Das Verursacherprinzip wird damit ad absurdum geführt. Nun ließe sich vermuten, dass es nun, da Atomkraftwerke in Betrieb sind und ohnehin radioaktiver Abfall anfällt, gleichgültig sei, wie lange diese noch laufen. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass jedes Jahr ca. 12.000 Tonnen neues hochstrahlendes Material entstehen – das ist mehr als das gesamte Gewicht des Eiffelturms.

Daher spielt jedes weitere Jahr der Atomkraftnutzung eine Rolle. Je schneller der Ausstieg beginnt, desto wahrscheinlicher ist es, eine realisier- und finanzierbare Lösung für die radioaktiven Reste zu finden.